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Mercedes E-Klasse W124

Hinterachsensanierung am E300TD 4-matic

Da der Zahn der Zeit an meinem vor einem Jahr erstandenen 124iger genagt hatte, der Hinterachsträger schon ziemlich bedient aussah und auch das Diff beim Schalten munter vor sich hin klackerte, war es Zeit, die gesamte Heckpartie zu sanieren. Vor allem die Bereiche um die Schweißnähte sahen nicht sehr vertrauenserweckend aus, wie aus dem untenstehenden Bild deutlich wird.

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Da ich das Auto jedoch täglich brauchte mußte eine Strategie her, die mir die Sanierung erlaubte und gleichzeitig die Zeit des Umbaues begrenzte. Schließlich entschied ich mich für eine kostenschonende Variante: Radträger und Differential (Hinterachsmittelstück gemäß MB) gebraucht zu kaufen, herzurichten, die Streben und Federn von Taxiteile TE zu kaufen und alles zur geeigneten Zeit einzubauen. Die Stoßdämpfer waren wegen Versagens schon kurz nach dem Kauf des Autos ersetzt worden.

Die Vorbereitung

Schritt für Schritt holte ich mir die oben beschriebenen Teile bei Fa. Schachner in Steyr und sanierte die Teile grundlegend innerlich und äußerlich (für die freundliche und zuvorkommende Beratung, sowie die sorgfältige auswahl der Gebrauchtteile bin ich Herrn Schachner dankbar). Die Vorbereitung nahm fast ein halbes Jahr an Freizeitbeschäftigung in Anspruch (bei einer ca. 60 Stundenwoche im Büro und einer Familie mit sehr viel Verständnis für mein Hobby).

In dieser Zeit wurden die Teile gesäubert, unter Zuhilfenahme eines Dremels mit Diamanteinsätzen entrostet, fertig geschliffen, grundiert und lackiert (beides mit Standox 2-K Lacken, denen etwa 20% Weichmacher für die Steinschlagfestigkeit zugesetzt waren).

radtrager1.jpg

Ein rechter Radträger bei der Sanierung

Bei den Radträgern mußten die hinteren Traggelenke getauscht werden, was mit Hilfe eines selbstgebauten/improviserten Werkzeuges geschah – siehe Werkzeugbeschreibung. Beim Diff habe ich den Repsatz für die Flansche und für die ASD Zylinder gekauft und eingebaut und auch den Entlüfter getauscht. Ölwechsel war ohnehin obligat (Castrol SAF-JX).

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Der Gammel nach Abbau des ASD-Zylinders

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Der Ölabstreifer nach Reinigung; im Hintergrund ASD-Zylinder und Flansch
Das Gehäuse des Differentials ist bereits gereinigt und großteils vom losen Rost befreit

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ASD nach Reinigung; innen der Simmerring zur Flanschabdichtung

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ASD mit Abdichtung für den ASD-Kolben

Alles in allem ist die Reparatur des ASD-Teiles ohne teuere Hilfsmittel auszuführen. Nur der Austausch des Simmerings braucht ein Stück Rohr mit dem richtigen Durchmesser und den alten Simmerring zum Einschlagen des neuen.

Der Austausch der inneren Gummilager bei den hinteren Federlenker hatte es in sich. Selbst ein sonst so erfolgreicher Zweiarmabzieher und selbst gefertigte Ein- und ausziehbuchsen waren nicht erfolgreich, die altengummilager auszupressen. Erst ein Herausschlagen der Gummteile, das nachfolgende vorsichtige langsseitige Aufschneiden der Stahlhülle mit einer Eisensäge brachte den gewünschten Erfolg. Das Einpressen wiederum ließ sich mit den provisorischen Hilfsmittelngut bewerkstelligen. Diese Arbeit musste jedoch nach Demontage der Hinterachse erfolgen und verzögerte die Wiedermontage der vorbereiteten HA beträchtlich.

Durchführung

Nach zwei vergeblichen Anläufen (Wetter, private Verpflichtungen, …) konnte ich mir am Stück drei Tage abzweigen und die Arbeiten zusammen mit Johannes, meinem mittleren Sohn, (18) ausführen; ohne ihn wäre es in dieser Zeit fast nicht machbar gewesen.

1. Kronenmuttern der hinteren Antriebswellen öffnen

Die Kronenmuttern habe ich schon zwei Wochen vor der Reparatur regelmäßig mit WD40 eingesprüht. Trotzdem waren die Kronenmuttern auch nach Aufstemmen/Aufschleifen der eingeschlagenen Sicherung mit üblichen Nüssen (auch Hazet) nicht aufzumachen. Ich habe einer das Leben ausgehaucht; sie ist bei etwa 300Nm glatt eingerissen.

Da half nur Aufschleifen der Kronenmutter bis knapp vor das Gewinde. Damit waren dann beide leicht zu Öffnen.

2. Sicheres Aufbocken des Fahrzeuges

Hintere Auflager

Lagerbock hinten

Vordere Wagenlager

“Lagerbock” vorne samt “Absturzsicherung”

3. Demontage

Am einfachsten hat sich nach mehrmaligen ähnlichen Tätigkeiten folgende Vorgangsweise erwiesen:

Hinterachsschwinge am inneren Lager mit einem Wagenheber unter Verwendung eines keilförmigen Holzstückes unterstützen, Schraube lösen, entfernen und Wagenheber langsam und vorsichtig ablassen. Damit entspannt man die Feder und kann alles andere entspannt abbauen (Das Abbauen wird in der WIS sehr gut beschrieben; wer jedoch Genaueres wissen möchte kann mir ja ein E-Mail schicken).

Ich habe nachfolgend alles abgebaut bis auf den Hinterachsträger und das Differential und weggestellt.

Der Abbau des Diff´s ist dann die gewichtsmäßig schwierigste Arbeit. Schön wäre es gewesen, eine entsprechende Aufnahme für den Wagenheber zu bauen. Sonst ist das Absenken immer eine recht wackelige und labile Sache, da gleichzeitig die Antriebswelle nach vorne zusammen geschoben werden muss und das Diff abgelassen werden muss.

In diesem Fall war es ja nicht schwierig, da die Altteile keine unmittelbare Verwendung mehr finden sollten; üblicherweise gilt es auch noch aufzupassen, dass die Lackierung von Diff und/oder Hinterachsträger nicht beschädigt wird.

Das Entfernen des Hinterachsträgers wäre dann eigentlich nur mehr eine Fingerübung gewesen. 4 Schrauben entfernen sollte reichen, doch eines der hinteren Lager rührte sich nicht einmal nach ein paar Schlägen mit dem Hammer. Erst gutes Zureden mit WD40 und Verdrehen löste das total mit Al-Korrosionsprodukt gefüllte Lager und der Träger konnte entfernt werden.

Der Weg war frei für die Sanierung des Unterbodens; dieser war jedoch in einem erstaunlich guten Zustand. Nur an einigen wenigen Stellen, darunter die Befestigung der Handbremsseile, die Befestigung des Stabilisators, hinter einer hinteren Federaufnahme und speziell an der linken vorderen Hinterachsaufnahme hatte sich Rost breit gemacht.

Die Sanierung erfolgte durch Ausschleifen mit dem Dremel, was mit diamantbesetzten Schleifspitzen sehr gut und präzise funktioniert. Grundierung mittels 2-K Grundierfüller von Standox. Lackierung mit 2-K Lack ebenfalls von Standox und Versiegelung mit Fluidfilm xxxx.

4. Montage

Die Montage am nächsten Tag schien zuerst ein Kinderspiel. Schnell waren sanierter Hinterachsträger, Differential und Streben montiert. Auch die Radträger ließen sich problemlos einsetzen. Dann sollten die beiden Halbachsen angeschraubt werden. Sollten, denn das ging nicht. Die Schraublöcher der Flansche waren zu klein und die Halbwellen passten nicht auf die Flansche, da sie eine leicht andere Form hatten. Mittlerweile war es 22:00 geworden. Eine Anfrage im MB-Forum gab kein Ergebnis; kein Wunder bei der Zeit. Also war ein Versuch angesagt:

Diff nochmals ausbauen, Öl vorsichtig entleeren, Diff öffnen und Flansche vom alten Diff einbauen. Versuch konnte erfolgreich abgeschlossen werden. Um 23:30 war das modifizierte Differential wieder eingebaut und die beiden Schrauber zufrieden und zum Umfallen müde.
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Endlich geschafft; HA-Träger und Diff sind eingebaut

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Die Müdigkeit ist nicht zu übersehen, oder?
Ein Gespräch am nächsten Tag mit dem MB-Ersatzteilehändler bestätigte die eigene Vorgangsweise, indem er meinte, er würde allen, die ein Tauschdifferential bekommen, immer raten das alte solange zu behalten, bis sicher sei, dass die Flansche auch passen würden. Einen Tag früher wäre diese Information Gold wert gewesen und hätte viel unnötige Arbeit erspart; so war sie zumindest hilfreich.

Nach wenigen Stunden intensiver Arbeit war er schon fast wieder ein Mercedes.

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Streben, wohin man schaut

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Wenn schon alles offen ist, soll es auch an neuen Belägen für die Feststellbremse nicht fehlen. Die alten hätten es durchaus noch getan, aber die Doku der Einbaulage etc. war mir zu aufwendig.

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Frühabendliche Idylle am nächsten Tag

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Gut, dass der Sohn sich um die Dokumentation gekümmert hat, der Vater war zu sehr mit dem präzisen Ablauf beschäftigt.
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Wer genau schaut, erkennt, dass die Kronenmutter noch nicht gesichert ist; wie soll sie auch in diesem Zustand des Zusammenbaues. Vergessen aber wäre sehr unangenehm.

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Fast hat ihn die Erde wieder

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Und endlich ist es so weit: Er ist fahrbereit. Nach Einstellung der Spur wird der Erfolg der Arbeit auch für Unbeteiligte fühlbar, das Auto fühlt sich signifikant straffer und präziser  auf der Straße an.

Dies freut auch die beiden Hobbyschrauber.